Altersvorsorge · Versicherungsmakler Aachen · Jan Pohl
Wie viel Geld braucht man im Ruhestand?
Ein praxisnaher Leitfaden: Bedarf realistisch einschätzen, Rentenlücke berechnen, Bausteine richtig wählen – ohne Verkaufsrhetorik, mit nachvollziehbaren Beispielen.
Wer gut verdient, aber spät ins Berufsleben startet – wie Ärzte, Ingenieure oder Wissenschaftliche Mitarbeiter –, ist von der Versorgungslücke im Alter besonders betroffen. Dieser Artikel erklärt, wie Sie Ihren Bedarf realistisch berechnen und was Sie dagegen tun können.
Wie viel Einkommen braucht man im Ruhestand?
Die Frage klingt einfach, ist in der Praxis aber ein echtes Planungsproblem: Sie müssen aus Ihrem heutigen Leben auf eine Zukunftsphase schließen, die Jahrzehnte entfernt liegt und sich in vielen Punkten unterscheidet.
Eine brauchbare Orientierungsgröße lautet: Die meisten Menschen benötigen im Ruhestand etwa 70–80 % ihres letzten Nettoeinkommens, um ihren Lebensstandard zu halten.
Definition
Nettoeinkommen = das Geld, das nach Steuern und Sozialabgaben monatlich tatsächlich zur Verfügung steht. Für die Lebenshaltung zählt das Netto – nicht das Brutto.
Warum nicht 100 %? Weil einige Ausgaben im Ruhestand wegfallen (z. B. Pendeln, Berufskleidung, Altersvorsorgebeiträge), andere bleiben (Wohnen, Lebensmittel) und manche steigen (Gesundheit, Freizeit, Reisen).
Hinweis für akademische Karrierewege
Doktoranden, WissMit und Ärzte in der Ausbildungsphase starten mit vergleichsweise niedrigem Einkommen und erleben dann oft einen deutlichen Gehaltssprung. Es lohnt sich, nicht nur den Status quo zu planen, sondern auch den erwarteten künftigen Lebensstandard als Basis zu nehmen.
Welche Kosten sinken – welche bleiben?
Ein häufiger Denkfehler: „Im Ruhestand wird alles günstiger." Realistischer ist: Einige Kosten sinken, andere steigen – und einige werden planbar.
Kosten, die oft sinken
- Pendeln und tägliche Mobilität
- Berufskleidung und arbeitsbezogene Ausgaben
- Altersvorsorgebeiträge (Sparen endet)
- Kredite, sofern bis Rentenbeginn getilgt
Kosten, die bleiben oder steigen
- Wohnen: Miete, Nebenkosten, Instandhaltung
- Lebensmittel und Alltag
- Freizeit: Reisen, Hobbys, Kultur
- Gesundheit und mögliche Pflege
- Inflation: Kaufkraft sinkt langfristig
Besonders relevant für Akademiker: Wer im Berufsleben viel arbeitet und wenig Zeit hat, gibt im Ruhestand oft mehr für Reisen, Sport und Familie aus. Der Ruhestand kann finanziell aktiver sein als erwartet.
Rentenlücke berechnen: Schritt für Schritt
Der wichtigste Schritt ist nicht die Wahl eines Produkts – sondern eine saubere Ausgangsrechnung. Erst wenn Sie Ihre persönliche Rentenlücke kennen, lässt sich sinnvoll entscheiden, was zu Ihnen passt.
Schritt 1: Zielwert festlegen
Nehmen Sie Ihr aktuelles Nettoeinkommen als Ausgangspunkt und schätzen Sie Ihren Ruhestandsbedarf mit 70–80 % ab. Wer hohe Mietkosten hat oder seinen Lebensstandard halten will, rechnet eher mit 80 %.
Rechenbeispiel: Ingenieur / WissMit – 6.000 € brutto
Letztes Nettoeinkommen: 3.600 €
Zielwert (75 %): 3.600 € × 0,75 = 2.700 € monatlich
Schritt 2: Erwartete Versorgung schätzen
Addieren Sie die erwartete gesetzliche Rente und – falls vorhanden – betriebliche Bausteine. Die Deutsche Rentenversicherung stellt Ihnen jährlich eine Renteninformation zu. Wichtig: Rechnen Sie mit einem Abschlag von 15–20 %, da künftige Rentenniveaus politisch unsicher sind.
Als grobe Orientierung: Die gesetzliche Rente deckt bei vielen Akademikern etwa 40–50 % des letzten Bruttoeinkommens – in der Realität oft weniger, da die Beitragsbemessungsgrenze nach oben begrenzt.
Schritt 3: Lücke berechnen
Formel
Rentenlücke = Zielwert − erwartete Gesamtversorgung
Rechenbeispiel fortgeführt
Zielwert: 2.700 €
Gesetzliche Rente (Schätzwert): 1.700 €
Rentenlücke: 2.700 € − 1.700 € = 1.000 € monatlich
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Ihre persönliche Rentenlücke in wenigen Minuten
Nutzen Sie den Rentenlückenrechner speziell für Akademiker – mit Annahmen zu Karrierepfad, Renteneintrittsalter und Versorgungsniveau.
Inflation, Steuern und Krankenversicherung
Drei Faktoren werden in der Praxis systematisch unterschätzt. Wer sie ignoriert, plant am Bedarf vorbei.
1. Inflation: Kaufkraft sinkt schleichend
1.000 € heute sind in 30 Jahren – bei 2 % Inflation pro Jahr – real nur noch rund 550 € wert. Das bedeutet: Wer seinen Ruhestandsbedarf nur in heutigen Euro berechnet, unterschätzt ihn erheblich.
Faustregel
Für eine grobe Langfristplanung: Rechnen Sie Ihre Rentenlücke mit einem Faktor von 1,5–1,8 hoch, wenn der Renteneintritt noch 30 Jahre entfernt ist. So denken Sie in realen Bedarfsgrössen.
2. Steuern: Renten können steuerpflichtig sein
Je nach Rentenart und weiteren Einkünften können Renten steuerlich relevant sein. Planen Sie im Zweifel konservativ und rechnen Sie stets mit Nettozahlen.
3. Krankenversicherung im Ruhestand
Auch im Ruhestand fallen Krankenversicherungsbeiträge an. GKV, PKV und Beihilfe funktionieren dabei unterschiedlich. Für Ärzte gibt es dazu eine eigene Übersicht: Krankenversicherung im Ruhestand für Ärzte.
Wie viel Kapital braucht man für die Rentenlücke?
Sobald Sie Ihre monatliche Lücke kennen, entsteht die nächste Frage: Wie viel Vermögen müsste man aufgebaut haben, um diese Lücke dauerhaft zu schließen?
Definition: Entnahmerate
Die Entnahmerate beschreibt, wie viel Geld pro Jahr aus einem Vermögen entnommen wird (z. B. 3 %), damit das Kapital möglichst lange trägt. Je niedriger die Rate, desto höher der Kapitalbedarf – desto robuster aber auch die Planung.
Beispielrechnung: 1.000 € monatliche Lücke
Monatliche Lücke: 1.000 €
Jährlicher Bedarf: 1.000 × 12 = 12.000 €
Bei 3 % Entnahme: 12.000 ÷ 0,03 = ca. 400.000 € Kapitalbedarf
Bei 4 % Entnahme: 12.000 ÷ 0,04 = ca. 300.000 € Kapitalbedarf
Diese Zahl zeigt, warum Altersvorsorge langfristig gedacht werden muss – und warum Zeit der entscheidende Hebel ist. Wer mit 35 Jahren beginnt, braucht bei gleicher Zielsumme und 5 % Rendite etwa 220 € monatlich. Wer erst mit 45 anfängt, benötigt bereits rund 430 €.
Frühzeitig planen
Wie viel müssen Sie monatlich sparen?
Der Rentenlückenrechner zeigt Ihnen auch, welche monatliche Sparrate bei Ihrer Ansparzeit und angenommenen Rendite erforderlich ist.
Die wichtigsten Bausteine der Altersvorsorge
Es gibt kein universelles Produkt, das für jeden optimal ist. Die Wahl hängt von Einkommen, Steuersituation, Risikobereitschaft und Zeithorizont ab.
Private Rentenversicherung
Lebenslange Rentenzahlung, Schutz vor Langlebigkeitsrisiko, Ertragsanteilbesteuerung vorteilhaft.
→ PrivatrenteBasisrente / Rürup-Rente
Höchste steuerliche Förderung. Bis 29.344 € (2025) als Sonderausgaben absetzbar. Ideal für Gutverdiener.
→ Basisrente / RürupBetriebliche Altersvorsorge
Entgeltumwandlung spart Steuern und Sozialabgaben. Arbeitgeberzuschuss seit 2019 Pflicht.
→ bAVETF oder Fondspolice?
ETF: flexibel und kostengünstig. Fondspolice: steuerlich vorteilhafter bei langen Laufzeiten.
→ ETF oder FondspoliceAltersvorsorgedepot (ab 2027)
Neue staatlich geförderte Depot-Option. Besonders interessant für Akademiker mit höherem Einkommen.
→ AltersvorsorgedepotRiester-Rente
Staatliche Förderung und Zulagen. Für GKV-Versicherte mit Kindern oft sinnvoll.
→ Riester-RenteVergleich: ETF-Sparplan vs. Fondspolice vs. klassische Rentenversicherung
| Kriterium | ETF-Sparplan | Fondspolice | Klassische Rentenvers. |
|---|---|---|---|
| Flexibilität | Hoch | Mittel | Gering |
| Kosten | Transparent, niedrig | Komplexer, gestaltungsabhängig | Geringere Renditechancen |
| Renditechance | Hoch (marktabhängig) | Hoch bis mittel | Niedrig bis mittel |
| Planbarkeit im Alter | Entnahmestrategie nötig | Oft mit Verrentung kombinierbar | Hoch |
Besonderheiten nach Berufsgruppe
Ärzte und Zahnärzte
Ärzte sind meist Mitglied im ärztlichen Versorgungswerk – nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Versorgungswerke leisten im Schnitt besser, haben aber ebenfalls eine Lücke zum letzten Einkommen, besonders in der Niederlassung.
Wissenschaftliche Mitarbeiter & Doktoranden (RWTH Aachen)
WissMit sind gesetzlich rentenversichert und nehmen über die VBL an einer Zusatzversorgung teil. Diese schließt die Lücke nur teilweise – besonders bei kurzen Beschäftigungsverhältnissen oder internationalem Karriereverlauf.
Professoren
Verbeamtete Professoren erhalten eine Pension, die durch Wartezeiten, Versorgungsabschläge und steigende Lebenshaltungskosten unter Druck steht. Juniorprofessoren ohne Verbeamtung sind besonders gefährdet.
Beamte (Lehrer, Verwaltung)
Die Beamtenversorgung ist robust, aber nicht ohne Lücke: Versorgungsabschläge bei frühem Ruhestand und die Absenkung des Versorgungsniveaus in Reformen lassen Spielraum für Ergänzungen.
Altersvorsorge ist eine Strategie – kein einzelnes Produkt
Viele Menschen starten mit der Frage „Welche Altersvorsorge ist die beste?" – und übersehen den wichtigeren Punkt: Die beste Lösung ist die, die zu Ihrer Lebensrealität passt.
Eine funktionierende Strategie berücksichtigt:
- Einkommen und erwartete Entwicklung (z. B. Postdoc → Industrie, Klinik → Niederlassung)
- Risikobereitschaft und zeitlicher Horizont (Risikoklassen in der Altersvorsorge)
- Bestehende Vermögenswerte: Depot, Immobilie, Rücklagen
- Geplantes Renteneintrittsalter und mögliche Teilzeit- oder Auszeitphasen
- Einkommensabsicherung: Ohne Einkommen funktioniert kein Sparplan (BU-Versicherung Aachen)
Praxis-Tipp
Halten Sie die Strategie bewusst einfach. Ein sauberer Zielwert, eine realistische Rentenschätzung und ein konkreter Plan für die Lücke sind besser als mehrere unkoordinierte Verträge ohne Gesamtbild.
FAQ: Häufige Fragen zum Geldbedarf im Ruhestand
Wie viel Geld braucht man im Ruhestand pro Monat?
Häufig werden 70–80 % des letzten Nettoeinkommens als Zielwert verwendet. Der konkrete Bedarf hängt stark von Wohnkosten, Lebensstil und Gesundheitsausgaben ab.
Warum reicht die gesetzliche Rente bei Akademikern oft nicht aus?
Drei Gründe: Später Berufseinstieg (weniger Beitragsjahre), Beitragsbemessungsgrenze (hohes Einkommen erzeugt keine proportional höhere Rente) und Inflation (realer Kaufkraftverlust über Jahrzehnte).
Wie berechne ich meine Rentenlücke am einfachsten?
Zielwert festlegen (z. B. 75 % des Nettos) → erwartete Gesamtversorgung abziehen → Lücke ablesen. Schnell geht es über den Rentenlückenrechner für Akademiker.
Wie viel Vermögen brauche ich für 1.000 € monatlich zusätzlich?
Als grobe Orientierung: Bei 3 % Entnahmerate ca. 400.000 €, bei 4 % ca. 300.000 €. In der Praxis sollten Inflation, Steuern und Risiken berücksichtigt werden.
ETF-Sparplan oder Rentenversicherung?
Das hängt von Ziel (Flexibilität vs. Verrentung), Kosten und Gesamtstrategie ab. Ein guter Einstieg: ETF oder Fondspolice – Unterschiede und Empfehlung.
Was sind typische Planungsfehler bei der Altersvorsorge?
Nur in Bruttozahlen denken, Inflation ignorieren, keine Zielgröße festlegen – oder Produkte wählen, bevor Strategie und Lücke klar sind.
Wie gehe ich vor, wenn sich mein Einkommen bald stark verändert?
Szenario-Rechnung empfiehlt sich: Heute, in 5 Jahren, in 10 Jahren. Für akademische Karrieren besonders relevant: Nach der Promotion in die Industrie.
Weiterführende Artikel auf versicherungsmakler.ac
- Rentenlückenrechner für Akademiker
- Risikoklassen in der Altersvorsorge
- ETF oder Fondspolice?
- Basisrente / Rürup-Rente
- Altersvorsorgedepot 2027
- Betriebliche Altersvorsorge
- VBL und VBL Extra für WissMit (RWTH)
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- Altersvorsorge für Beamte
- Berufsunfähigkeitsversicherung Aachen